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Montag, 19. September 2016

stigma zurück an absender

die rede im namen der themenwerkstatt "politische aktionen" an der kundgebung der postiven begegnungen in hamburg, august 2016

Mittwoch, 21. Mai 2014

Unter dem Deckmantel der Vielfalt

Ein Kommentar zur neuen "love-life"- Kampagne für die Gesamtbevölkerung von Bundesamt für Gesundheit BAG und Aidshilfe Schweiz AHS

Die Kampagne „love-life , don’t regret“ dient nicht der Aufklärung sondern allenfalls der Ausgrenzung. Unter dem Deckmantel der Vielfalt und Aufklärung wird Schuld und Sühne, „Sex sells“ und Desinformation, bzw. Information nur gegen Bekenntnis verkauft.

Liebe dein Leben und bereue nichts, bedient Schuld und Sühne im Namen der Prävention.
Wider allen Erfahrungen, Empfehlungen und den eigenen Leitlinien wird auf Moralin und Ausgrenzung und Selbstentwertung gesetzt.
Das ist weder förderlich für das Testverhalten, noch für einen offenen Umgang mit der eigenen Infektion und ist darum ein Stolperstein auf dem Weg zur Reduktion der Neuansteckungen. Dafür öffnet es aber dem Leugnen von Risikoverhalten und der gemeinsamen Verantwortung Tür und Tor.

Die Botschaft liest sich für Menschen mit HIV oder nahe am Risiko: Bereut, ein Leben lang! Und wenn nicht, helfen wir nach. Im Menschenbild der Verantwortlichen hat es keinen Platz für Menschen mit HIV und AIDS, die ihr Leben lieben und nicht bereuen. Menschen, die vielleicht Jahrelang mit Schuld gekämpft haben, innen wie aussen, werden zurück auf den angestammten Platz verwiesen. Denn die Schmutzigen und Schuldigen gehören nicht dazu. Wo bleibt da die Vielfalt? Dieselben Verantwortlichen bei Bund und Aidshilfe beklagen immer wieder, dass sich die Vorurteile gegenüber Menschen mit HIV hartnäckig halten und die Verbreitung von HIV begünstigen. Allerdings vornehmlich dann, wenn es darum geht Gelder für Projekte zu bewilligen bzw. Spendengelder für die „armen Diskriminierten“ zu sammeln.

Sex sells.
Ginge es um das reale Risiko zum Beispiel beim Sex zwischen Frauen, wären Sextoys, Menstruation und verletzende Sexualpraktiken das Thema. Die Kampagne bedient aber im besten Fall Heterofantasien. Die Begründung, dass auch bisexuelle und lesbische Frauen vielleicht Sex mit Männern hätten und darum ein kleines Risiko bestünde, ist ein untauglicher Versuch die dargestellte Botschaft zu erklären. Denn selbst dann ist ein Kondom zwischen zwei Frauen doch eher selten angezeigt. Von Sexualpraktiken der Frauen, die Sex mit Frauen haben, dem realen Risiko einer HIV-Ansteckung und von „harmreduction“ durch Fingerlinge, Handschuhe und Dentaldams scheinen Roger Staub (BAG) und Daniel Seiler (AHS) noch nie etwas gehört zu haben. Wär‘s nicht zum Heulen, wär‘s zum Lachen. Ganz nebenbei wird auch noch die Verräterinnen-Rolle der Frauen, die nicht ausschliesslich Sex mit Frauen haben, bedient. Der Vorwurf, dass nur sie das Virus in die Frauencommunities bringen, ist so althergebracht, wie schmerzhaft und erst noch falsch.

Die Kampagne zeigt Frauen die mit Frauen Sex haben, Männer mit Männern und Frauen mit Männer und umgekehrt; immer schön nur paarweise, möglichst ästhetisch, Keiner zu dick, Keine zu dünn, zu hässlich, nicht eine She-He, kein He-She, keine Menschen mit physischen Gebrechen… etc. Vielfalt? Nein, Sex sells. Nicht nur Vorurteile, Ressentiments und Heterofantasien werden bedient, neu wird der Bigotterie gehuldigt: "Macht was ihr wollt, aber bitte sauber, denn das ist sexy." Dazu passt der Aufruf sich selbst für den guten Zweck filmen und fotografieren lassen, was natürlich etwas ganz anderes ist, als Soft-Pornographie oder Sexting.

Aufklärung geht anders. Auf der Kampagnen-Seite befindet sich ein Manifest, ein Mantra genau genommen:
„Ich geniesse mein Leben. Das bin ich mir schuldig /Ich liebe meinen Körper. Deshalb schütze ich ihn/ Ich bereue nichts. Dafür sorge ich.“
Ich weiss gar nicht, warum diese Kampagne den Fundamentalisten unter den Gesundheitspolitkern und den Vertreterinnen von religiösen Kreisen nicht gefällt? Denn: wer das Bekenntnis zu Unschuld, Gesundheit und Sauberkeit nicht unterzeichnet, dem sind detaillierte, weiterführende Informationen nicht zugänglich! Das heisst, nur wer sich brav verpflichtet nie und nimmer ein Risiko einzugehen, wer also auf die drei Gebote schwört, der oder die erfährt wie Risiken vermieden werden können. Sprich: ist es wert gesund zu bleiben. Spätestens nach 30Jahren AIDS Arbeit sollte klar sein: Zugang zu Information für Alle ist Pflicht. Was hiesse eine ehrliche, zielführende und sinnvolle Aufklärung zu machen, anstatt nur Aufmerksamkeit zu erregen und gleichzeitig zu moralisieren und urteilen. Nein, die Aidshilfe und der Bund sind nicht mutig. Mutig wäre zu sagen: informiert Euch, handelt gemeinsam die Schutzstrategien aus, die Euch behagen. Entscheidet Euch selbst. Es lohnt sich. Mutiger wäre zum Beispiel endlich auch die Nichtinfektiosität unter erfolgreicher antiviraler Behandlung zu thematisieren.

Zu welchem Preis?
Die «Love Life»-Kampagne kostet 2 Mio. CHF/Jahr. Dies wird in einem Atemzug genannt mit dem Betrag von ca. 25‘000 CHF für eine einzelne HIV-Behandlung/Jahr. Ganz abgesehen davon, dass der Beweis wie viele Infektionen mit dieser Kampagne tatsächlich verhindert werden, nicht erbracht werden kann, ist es ein weiterer Hieb gegen Menschen mit HIV. Bereut nicht nur dass ihr infiziert und nicht mehr sexy seid, bereut auch, dass eure selbstverschuldete Krankheit so viel Kosten verursacht. Und immer wird der Vergleich mit anderen Gesundheitskosten vermieden, aber für den Selbsterhalt derjenigen, die bei AHS und Bund ihrer Arbeit oder ihrer Herzensangelegenheit in Sachen HIV und AIDS nachgehen, ist es allemal dienlich.
Von einer Präventionskampagne für die Gesamtbevölkerung erwarte ich, dass sie sich respektvoll an Alle wendet; dass sie Aufklärung und Information bedingungslos und vollständig zur Verfügung stellt. Denn: Wenn die Kampagne sich nur an Menschen richtet, die sich verpflichten kein Risiko einzugehen, werden genau die Menschen nicht berücksichtigt, die Aufklärung und Information dringend nötig hätten und das Ziel der Minderung der Neuansteckungen wird ad absurdum geführt. Gerade auch durch die diskriminierende Botschaft denen gegenüber, die das Virus weitergeben könnten, ob sie von ihrer Infektion wissen oder nicht.

Oder anders gesagt: Man bleibt unter sich. Das ist Ausgrenzung im Namen der Aufklärung, und Vielfalt nur normiert und nach „Vorschrift“.
Das ist mehr als ein Rückschritt.
Bezahlen tun wir ihn alle, die einen nur mit den Steuern, die anderen obendrauf mit sich selbst verleugnen oder aber mit Ausgrenzung. Wen wundert‘s, dass trotz staatlich subventionierter „Aufklärung“ die Neu-Infektionszahlen noch lange nicht so rückläufig sind, wie sie sein könnten?

Hölstein, 21.Mai 2014 
Michèle Meyer, Aids-Aktivistin

Freitag, 29. November 2013

Weltaidstag 2013. Abschiedsbrief an Willi Wahnsinn

Zum 1.Dezember WELTAIDSTAG

Seit Jahren verkommt der Weltaidstag zum Tag der Ansteckungszahlen, Präventionsbotschaften und Spendenaufrufe.
Ich dachte es sei der Tag der Erinnerung und des Gedenkens an unsere verstorbenen Freunde, Liebsten und Verwandten, der Tag der Solidarität mit Menschen mit HIV und AIDS auf der ganzen Welt.
In diesem Sinne widme ich uns allen diesen persönlichen Text. ------------------------------------------------------------

Es scheint mir eine Ewigkeit her, dass du gegangen bist. In der Tat, ich habe 18 Jahre weitergelebt, überlebt und meine Worte an dich mit mir herumgetragen. Einmal in den Jahren, habe ich den Mut gefunden und bin zum Friedhof gefahren um dich zu suchen.
Lachend stand ich irgendwann am Grab der Unbekannten und Mittellosen, bestaunte die Stehle, die grossartig und fremd darauf gegen Himmel zeigt. Da liegst du also. Ausgerechnet.

Denn Apfel, den ich dir mitbrachte, ass ich in der Aufregung meiner Gedanken und Gefühle gleich selbst. Willi Wahnsinn.
Ja. Und wie ver-rückt war deine Welt, und meine.
Ich glaube, das erste mal, dass ich dich bewusst wahrgenommen habe, war am 14.Februar 1981. Irgendjemand hatte eine Scheibe am alten Postgebäude an der Hochstrasse eingeschlagen, und du hast dann das Fenster geöffnet und mir geholfen einzusteigen.
Wenig später sass ich neben dir als wir nach Zürich anriefen und verkündeten: Basel hat ein AJZ.

Rund 10 Jahre später haben wir uns verliebt. Ich wurde gewarnt, vor dir, vor AIDS. Als ob du mir deine HIV-Infektion je verschwiegen hättest.
Im Gegenteil, du warst der Erste, den ich kennenlernen durfte, der offen und offensiv damit umging. Und trotz allem, was wir uns später an Steinen in den Weg gelegt haben, darin bist du mir Vorbild geblieben.
Dein Engagement, dein Witz, dein Wissen und dein Widerstand haben mich vom ersten Moment an fasziniert.

Allen Unkenrufen zum Trotz, liess ich meine zwei Liebhaber und meine Geliebte stehen und zog mit Sack und Pack bei dir ein.
Unsere Tage und Nächte gehörten der Kunst, der Küche und dem Bett. Nächtelang kochen, denken, malen, schnitzen ,lieben und sonst nichts.
Natürlich hatte ich immer wieder auch eine Arbeit, oder musste eine suchen, aber das Leben fand ausserhalb der Normen statt, im Freistaat Breite, im Tippi und später in meiner Wohnung.
Wir haben Ausstellungen organisiert, Häuser besetzt, politisiert.... und nie hast du dich wegen deiner Infektion geschämt oder getrickst.

Irgendwann hat uns das Virus eingeholt. Grelle schmerzen wie Blitze in deinem Kopf. Du hast kaum noch geredet und dich verkrochen. Ich liess dich in deiner Stille. Bis ich merkte, dass noch nicht einmal mehr Augenkontakt möglich war.
Misstrauisch geworden, habe ich dir eine filmreife Szene hingelegt, dich beschuldigt, gebettelt...bis du reagieren musstest- oder wolltest.
Du hast mich angeschaut und dein Blick hat mich kalt erwischt.

Keine andere Frau, kein Mann - die Sucht hatte sich eingeschlichen. Du hattest du keine Schmerzen mehr. Dafür tanzten wir nun Tango; wir haben Jahre, Liebe, Geld und vieles mehr an deine Sucht und meine Co-Abhängigkeit verloren. Ich kann die Entzüge nicht zählen, die Rückfälle, Abstürze, meine Szenen, das leere Konto...mein Herumirren auf der Suche nach dir im Letten. Tagein-tagaus.
Unser Hoffen auf eine andere Zukunft, die Macht der Gewohnheit, das Bestehen auf dem „wir“ hat uns dennoch weitergetragen. Den einen günstigen Moment für den Ausstieg hast du schliesslich gepackt. Du warst wieder clean.

Eine letzte Chance, eine grosse Reise und mein brennender Kinderwunsch , alles oder nichts: Die Träume war zum greifen nah, leben, einfach nur leben und lieben. Nichts anderes wollte ich. Mit dir.

Das kalte Erwachen kam kurz vor der Fasnacht, mitten im Nähen und Kleistern. Ich wollt es nicht glauben, trotz dem vielen Blut, trotz der Ärztin, die mir das leblose Wesen in meinen Bauch am Monitor zeigte, Geduldig auf mich einsprach.
Die Tage danach, sind mir fremd. Ich weiss, dass ich mich verpflichtet fühlte eine HIV-Test zu machen, dass ich malte und heulte, während du schweigend an deinen Kugeln schnitztest.
Irgendwann konnte ich anrufen, meine Nummer durchgeben. „Sie sind ..äh...es sieht nicht gut aus....Der Test ist positiv... Brauchen sie Beratung?“ „Nein.“ schrie ich. Stumpf in Watte abgepackt sass ich da. Du hast mir den Hörer aus der Hand genommen, die Leitung war längst tot. Ich malte Kreuze ins Telefonbuch.

Ich weiss nicht wie lange du noch bleiben konntest, irgendwann bist du in die Stadt gefahren. Auf der Suche nach Taubheit und Milde. Ich blieb.
Dich hatte die Sucht wieder, mich das Virus. Wir fanden uns nicht mehr.

Die Nebel waren zu dicht und der Schmerz um die verlorene Zukunft zwischen uns. Selbst die kleine Brücken, die Inspiration, das gemeinsame Schaffen, halfen nicht. Wir fanden keine Worte mehr, keinen Weg. Ich ging.

Aber wohin auch immer, dein Schmerz und deine Wut eilten voraus. Eisiges Schweigen in der Stammkneipe, keineR ,der/die nicht meinte zu wissen, dass ich dich sterbend auf die Strasse gestellt hätte. Entfernte Verwandte und Bekannte sprachen mich auf HIV an, andere brachen gleich den Stab.

Ich habe dich geliebt und verflucht.

Ein Jahr leben blieb dir nach der Trennung. Ein Jahr ohne Worte der Versöhnung.
Wenige Wochen vor deinem Tod wolltest du mich sprechen, niemand kam auf die Idee es mir mitzuteilen.
Ich blieb *persona non grata* im Lighthouse und an deiner Beerdigung. Kein Abschied. Nichts.

Deinen Tod habe ich dir anfangs übel genommen, warum musstest du mir zeigen, dass eine Infektion tödlich verlaufen kann? Mich traf die Schuld zu überleben genauso, wie die plötzliche Wut infiziert zu sein.
Ich habe Jahre gebraucht für den Abschied. Habe getrauert um die verpasste Versöhnung, gewütet weil ich von den Ritualen ausgeschlossen wurde und wollte es wäre nicht wahr.

Da liegst du, unter der Stehle, du der am Schluss nur noch von Spiritualität und Kunst leben wolltest, du dem der Körper schwer und eng geworden war.
Und ich – lebe.
Medizinische Fortschritte und Resilienz sei dank.
Dein Engagement, dein Kämpfen gegen Stigma und Diskriminierung konnte ich wiederfinden, zwischen den Schatten und Erinnerungen.

Das halte ich gerne in Ehren. R.I.P Willi Wahnsinn (*20.2-1960- + 29.12.1995)

Dienstag, 29. Januar 2013

5 Jahre danach...



Die Angst vor der Entängstigung ist noch nicht vorbei

5 Jahre nach der Veröffentlichung der Erkenntnisse zur Nichtinfektiosität durch Bernhard Hirschel und die EKAF (ehemals: Eid.Kommission für Aidsfragen; jetzt: Eid. Kommission für sexuelle Gesundheit) wird klar: Die Chance der , zumindest partiellen, Entstigmatisierung wurde wenig genutzt und HIV-Positive und Menschen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko sind nach wie vor geeignete Sündenböcke, die ungern entlastet werden.
Sie werden öffentlich angeprangert, mit umtriebigen Projekten bedient und der Nimbus von Sex and Crime wird gezielt gefördert. Aufklärung ist aber mehr als nur zur Schau stellen und erziehen wollen.
Verhaltensprävention ohne Berücksichtigung der Verhältnisse kann nicht funktionieren.
Warum sind 5Jahre nach der Veröffentlichung keine öffentliche Debatten, keine Aufklärungswellen zum Thema Nichtinfektiosität und z.B Kriminalisierung möglich. Warum setzen die Akteure auf öffentlich-wahrnehmbare Risikogruppen-Versorgung und verhindern gleichzeitig Meinungsbildung und adäquate Information der gesamten Bevölkerung ? Zum Beispiel auch zu diskriminierenden Strafgesetzanwendung?
Die Haltung, die ich dahinter vermute, ist fatal.

Unser aller Krux mit dem moralischen Werdegang und damit die Prägung von Stigma und Selbststigma wird weiterhin bewirtschaftet .
Die gesellschaftliche Atmosphäre von Ausgrenzung und Angst ist uns bestens vertraut . Vor rund 30 Jahren hatten wir alle Angst, Angst uns anzustecken, Angst krank zu werden und wie viele elendiglich zu sterben. Unsere Sexualität, wie immer wir sie auch lebten, war plötzlich befleckt, unsere Freiheit bedroht.
Notwendig war primär Aufklärung, Zugang zu Information und damit die Möglichkeit das individuelle Risiko realistisch einzuschätzen. Kommunikation auf der Bettkante, im Darkroom oder wo auch immer ,war plötzlich neu zu lernen. Natürlich war das lästig und neben mehr oder minder offensichtlichen Schuldzuweisungen und damit einhergehender Diskriminierung und Ausgrenzung war auch Neid im Spiel. Neid auf die (vermutete) Freiheiten derer, die nun die Freiheit aller einzuschränken schienen.
Das wirkt bis heute.

Trotzdem waren „wir“ uns immer einig, so dachte ich, dass Aufklärung Not tut und ,dass sie das Gegenteil von Gleichmacherei bedeutet. Trotz einfachen Botschaften, trotz Kondomisierung.
Die Aufklärungsbemühungen und -botschaften sollten uns schützen, unsere Eigenheiten , unsere Lebensgestaltung, unsere sexuellen Biografien.
..Doch während die einen sauber blieben, sind die anderen unrein - auch wenn nicht mehr verseucht.

Wann sind „wir“ vom Weg der Aufklärung abgekommen? Wann war Schweigen plötzlich eine gangbare, ja bevorzugte Option? Wann wurde „das Volk“ für zu „dumm oder bequem“ befunden , um mit Informationen und Fakten alimentiert zu werden, damit evt. eine öffentliche Debatte, sicher aber eine adäquate Meinungsbildung und eine sinnvolle Risikoeinschätzung überhaupt noch möglich wären?


S
chon bei der Veröffentlichung der Fakten zur Nichtinfektiosität im Januar 2008 fürchteten viele, dass die Informationen missverstanden werden würden. Tatsache ist aber, dass die Ängste im Vorfeld unbegründet waren. Menschen können durchaus Informationen richtig einordnen und in ihren Lebensalltag integrieren. dies zeigte u.a. auch eine extra dafür in Auftrag gegebene Studie.

Zu einem wirklichen Miteinander im privaten und öffentlichen Leben, muss Entstigmatsierung, Entdiskriminierung im Zentrum aller Fragen zu HIV und AIDS ernst genommen und berücksichtigt werden, auch in der Schweiz, und auch, oder besonders bei den Präventionsstrategien.
Und dazu ist Zugang zu Information, differenzierte Aufklärung und eine gezielte, berechtigte Entängstigung der gesamten Bevölkerung unumgänglich.

Woher kommt die Forderung nach Partner-Notifikation, nach der einseitige Informations-“pflicht“ zumindest im privaten Setting? Woher die Idee, dass Menschen mit HIV und AIDS ihre (Sexual-)Partner_Innen über ihren Serostatus informieren sollten, oder auf gut Glück spielen und hoffen nie mit einer Strafanzeige konfrontiert zu werden, wenn zugleich im Alltag, im Beruf etc. Menschen mit HIV und AIDS geraten wird sich zu tarnen. Soll Aufklärung etwa Privatsache sein, frei nach dem Motto, selber schuld, jetzt trage die Verantwortung und zwar alleine?
Auch für homosexuelle Männer trotz den weiter geschürten Vorurteilen und laut verkündeten „Durchseuchung“?
Wann haben wir uns von Kommunikation verabschiedet, von Gleichberechtigung und Gleichbehandlung?
Die Aufhebung der einseitigen gesetzlichen Verantwortung von Menschen mit HIV und AIDS, durch die Revision des Epidemiegesetzes, resp. Durch die Neuformulierung des Art231StGB wäre eine Chance für Neubelebung von Auseinandersetzung und Aufklärung, von Kommunikation auf gleicher Augenhöhe und ein Anfang der Gleichstellung.
Die Gesetzesrevision aber schweigend auszusitzen, in der Hoffnung es wird kaum wahrgenommen könnte sich als Bumerang erweisen.

Nur auf der Basis von Gleichberechtigung und Mitmenschlichkeit kann die nötige offene Kommunikation und gemeinsame Sorgfalt zum tragen kommen. Davon bin ich überzeugt. Nur dann kann Prävention und Risikominimierung nachhaltig ihre Wirkung entfalten.
Dafür ist Aufklärung unumgänglich.
Das "Volk" für zu dumm zu erklären, Fakten verstehen zu können und offen für Argumente zu sein, ist mehr als überheblich. Ein Menschenbild, das nach meinem Verständnis , jeglicher Aufklärung und der Idee von mündigen BürgerInnen in jeder Demokratie diametral entgegensteht.
Wem dient die Ungleichbehandlung samt Pranger? Die Frage ist doch, ob eine gemeinsame Verantwortung überhaupt gewollt ist.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Nichtinfektiosität zu viel mehr genutzt werden könnte als nur zum schaffen von neuen guten und bösen HIV-Positiven.
Die Privatisierung der Verantwortung und Aufklärung steht den erhofften Erfolgen für die Volksgesundheit durch Test&Treat., bzw. „treatment as prevention“ gegenüber.
Der allgemeine Trend der Angstkultur wird weiterhin genährt, mit divide ed impera und mit Scheinsicherheiten. Das wird nicht funktionieren.
Die Denver-Principles: „Don't generalize- don't blame- don't scapegoat“ haben bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Packen „wir“ die Gelegenheit 5 Jahre danach wenigstens beim Schopf:
Aufklärung tut Not.
Entstigmatisierung und Entkriminalisierung, eine gesellschaftliche Entspannung und Entängstigung gegenüber Menschen mit HIV/AIDS , öffnen die Möglichkeit einer gemeinsamen Verantwortung, inklusive Kommunikation.
Und dafür braucht es weit mehr als Zielgruppen, Sündenböcke und „Zuckerbrot und Peitsche“- Strategien.



Wir müssen reden. Über die Unterschiede von Leben MIT und Leben VON HIV. Über die Interessenskonflikte, Ziele und Motive in Prävention und im Zusammenleben.

Dann könnte „uns“ das Wissen und die Freude (!) über die Nichtinfektiosität zu
Gerechtigkeit und Freiheit führen. Das wünsche ich mir: Die Frechheit selbstbestimmt und vollwertig Verantwortung zu leben!


25.Januar 2013 Michèle Meyer
Diesen Text schrieb ich auf Anfrage für den Jahresbericht 2012 der ZAH (Zürcher Aidshilfe). 5 Jahre nach der Veröffentlichung der EKAF ist es mir ein Anliegen ihn unabhängig davon zu veröffentlichen.
30.1.2008 Veröffentlichung der Fakten zur Nichtinfektiosität von Menschen mit HIV unter erfolgreicher Therapie